Franz Ostolski

Die Idee stammte von Josef Hoos, Biographien über jene Personen des Judolebens in Nordrhein-Westfalen zu veröffentlichen, die durch ihr Wirken einen wichtigen Beitrag für die Entwicklung und die Verbreitung des Judo geleistet haben. Eine Lebensbeschreibung also, bezogen auf das Sportlerleben.

Franz Ostolski

Franz Ostolskiist zweifelsohne so eine Person. Wer ihn länger kennt und die Homepage des NWDK öffnet, sieht ihn im Ablauf der immer wiederkehrenden Fotos sofort. Es ist der Mann mit Schnäuzer, die Hände in die Hüften gestemmt. Daneben Josef Hoos. Das Bild wurde vor Jahren bei einem Lehrgang in Köln gemacht. Es zeigt Franz mit einem Ausdruck von Unzufriedenheit, die bei Lehrgängen häufiger in seinem Gesicht stand als ihr Gegenteil. Wenn er mit dem, was die Teilnehmer zeigten, nicht einverstanden war, dann fand er dafür unmissverständlich kritische Hinweise. Dem Einen oder der Anderen ging die Kritik mitunter zu weit, doch Franz´ Bewegungsbeispiele fanden immer Beachtung: „Der kann ja richtig Judo!“ Und das kam so:

Franz Ostolski fing am 1.2.1951 an, Judo zu machen. Im Jiu Jitsu Club -JJC- Hilden. Er war noch nicht ganz 16 Jahre alt. Das Verbot der alliierten Besatzungsmächte, im Nachkriegsdeutschland Judo zu machen, war erst seit drei Jahren aufgehoben. 1951 war auch das Jahr, wo in Frankfurt die ersten Deutschen Judo-Meisterschaften nach Kriegsende stattfanden. 1952 wurde das Deutsche Dan-Kollegium (DDK) unter dem Vorsitz von Alfred Rhode und 1953 der Deutsche Judobund unter dem Vorsitz von Heinrich Frantzen gegründet.

Es war zunächst kein eigener Impuls, sich für Judo zu interessieren. Hans vom Stein, ein Arbeitskollege von Franz und der Gründer des JJC Hilden, erzählte Franz von Judo und lud ihn zum Training ein. Im JJC Hilden fand Franz dann seinen Sport. Was ihm am Anfang fehlte, war ein Judoanzug, den es damals nirgends zu kaufen gab. Also nähte ihm seine Mutter einen, aus einem Gewebe, das reißfest genug und unter der Bezeichnung Köper zu kaufen war. Die Bezeichnung Köper stammt aus dem Wort Köperbindung. Dies ist neben der Leinwand- und der Atlasbindung eine der drei Grundbindungsarten für gewebte Stoffe. Köperbindungen erkennt man am schräg verlaufenden Grat. Das heute noch bekannteste Gewebe in Köperbindung ist der Denim, der blau-weiße Jeansstoff.

In diesem selbst genähten Judoanzug bestritt Franz schon am 3.11.1951 seinen ersten offiziellen Wettkampf, in der Mittelgewichtsklasse bis 80 kg. Schnell hatte sein Lehrer Hans vom Stein ihn zum Wettkampf geführt. Judotraining ohne Wettkampfteilnahme war damals völlig undenkbar; wozu sollte man sonst Judowürfe und -griffe lernen. Hans vom Stein war im Übrigen der Lehrer, durch den sich Franz als Anfänger und Fortgeschrittener am meisten motiviert fühlte. Dies zeigte sich zum einen an der bestandenen Prüfung zum ersten Dan am 6.9.1958. Die Prüfer waren Shuichi Nagaoka, seinerzeit einer der in Deutschland hautberuflich unterrichtenden japanischen Judolehrer, Heinrich Frantzen, Max Hoppe und Klaus Münstermann, der spätere Kampfrichterreferent des DJB.

Zum anderen zeigte sich Franz´ Motivation als Einzel- und Mannschaftswettkämpfer. Fasst man nur seine Erfolge zusammen, sieht das so aus:

ein zweiter und zwei dritte Plätze bei Landesmeisterschaften, acht Kreismeistertitel, bei Kreismeisterschaften ansonsten zwei zweite und drei dritte Plätze. Hinzu kommen nicht mehr nachzählbare Einsätze im Mannschaftsbereich für den Post SV Düsseldorf und für die Polizei SVg Jahn Solingen. Zu den besonderen Mannschaftserfolgen, an die Franz sich erinnert, gehörte 1960 der Aufstieg mit dem Post SV Düsseldorf von der Landes- in die Oberliga und im Verlauf der siebziger Jahre der Aufstieg mit der Polizei SVg Jahn Solingen in die Regionalliga. An seine bitterste Niederlage durch einen Konter gegen O uchi gari erinnert sich Franz genauso wie an seinen schönsten Erfolg durch O soto gari, mit dem er in letzter Sekunde in einer wichtigen Begegnung den Mannschaftssieg rettete.

Parallel zur Wettkämpferei hatte Franz Trainerlizenzen erworben und mit A-Lizenz auch Trainerpflichten übernommen, nämlich

  • im Post SV Düsseldorf von 1958 bis 1963 und von 1977 bis 1978,
  • im Universitäts-Sport-Club Düsseldorf von 1969 bis 1987,
  • in seinem Ursprungsverein Judoclub Hilden von 1956 bis 1958 und von 1961 bis 2004 und schließlich
  • in der Polizei SVg Solingen von 1959 bis 2009.

Auf Bezirks-, Landes- und Bundesebene war Franz von 1966 bis 1985 Kampfrichter und von 1968 bis 1995 Lehrgangsreferent, zunächst für die NRW-Landesgruppe des DDK und nach dem Zerwürfnis zwischen DDK und DJB für das NWDK.

Lehrwart der NRW-Landesgruppe des DDK war Franz von 1968 bis 1980. Ihr 1. und 2. Vorsitzender war er knapp zwei Jahre, von 1980 bis Juni 1982. Mitglied im NWJV-Lehrausschuss war er von 1990 bis 1995.

Der 6. Dan im Judo wurde Franz am 10.9.1977 und der 7. Dan am 15.1.1989 verliehen.

Dan-Prüfer ist Franz auch heute noch, seit 1970. Im Übrigen setzt das NWDK ihn als Wertungsrichter bei den NRW-Katameisterschaften ein, sind ihm doch alle Kodokan-Kata in Praxis und Lehre geläufig.

Meine Frage, wie viele Judoka er zum 5. Dan führte bzw. wie viele sich beim ihm darauf vorbereiteten, beantwortete er mit sieben. Nach meiner Erinnerung sind es 11: Ilse und Mario Sbardella, Peter Frese, Paul Klenner, Eckhard Walker, Tomaso D´Anello, Hans Hörster, Karsten Labahn, Swen Collas, Helge Welzel und ich. Allein in meinem Verein, der Polizei SVg Jahn Solingen, den Franz als Trainer 50 Jahre lang betreute, wovon ich 40 Jahre profitierte, trainieren heute fünf Judoka mit fünftem Dan, einer mit viertem, zwei mit zweitem und vier mit dem ersten Dan. Fast alle Höhergraduierten sind Dan-Prüfer und besitzen Trainer-Lizenzen. Gefragt, was er über die judospezifischen Fertigkeiten der meisten seiner langjährigen Schüler auf einer Skala von einem Punkt bis sechs Punkten denkt, meinte er: „perfekt, vielseitig, variabel, mitunter Glanz und Glimmer.“ Zuvor hatte ich ihm folgende Bewertungsbandbreite angeboten: einen Punkt für „alles Bewegungslegastheniker“, ein Lieblingswort aus seinem Schimpfwörterrepertoire, drei Punkte für „Licht und Schatten“ und sechs Punkte für „perfekte Judoka, Augenweiden.“ Ich war wirklich überrascht, was er von vielen seiner Schüler hält. „Schüler lassen bei zuviel Lob in ihren Bemühungen nach“, so umschreibt er seine Trainererfahrung. Lob war beim ihm nicht mehr als ein gebrummeltes „Mmmh“.

Was die meisten seiner Schüler heute über Franz, den Judomeister, auf einer Skala von einem Punkt bis sechs Punkte denken, dafür bot ich ihm folgende Einschätzungen an: einen Punkt für „Gut dass er auf der Matte nicht mehr auftaucht“, drei Punkte für „Es wäre nett, wenn er alle paar Monate mal wieder mitmacht“ und sechs Punkte für „Ohne Franz macht Judo keinen Spaß“. Er denkt tatsächlich, dass einige froh sind, dass er auf der Matte nicht mehr auftaucht. Aber auch die drei-Punkte-Einschätzung spricht er einigen zu. Als Spaßbremse sieht er sich allerdings nicht. Seit er weg ist, hat auch noch niemand bei uns aufgehört.

Übrigens – aufgehört, aktiv Judo zu machen, hat Franz im Sommer 2009 nach einer Hüftoperation. „Ich hätte gerne noch bis 2011 gemacht; dann wären 60 Jahre voll gewesen.“

Ich denke mir, dass sein Rückzug aus dem aktiven Judo ein Kraftakt für ihn war. Verzagt ist er aber nicht. Er hat sich für meine drei-Punkte-Antwort entschieden: „Ich möchte hin und wieder Teilhaben, zum Beispiel als Prüfer oder vielleicht mal wieder auf der Matte.“ Dies ist seine Antwort auf meine Frage, welche Bedeutung Judo HEUTE für ihn auf der sechs-Punkte-Skala hat. Meine anderen Antwortangebote waren: einen Punkt für die Antwort „Judo interessiert mich nicht.“ und sechs Punkte für die Antwort „Ich denke jeden Tag dran und bin verzagt, dass ich mit 75 viele Techniken nicht mehr machen kann.“

Bei seinem Wunsch, hin und wieder Teilzuhaben, kam mir ein Aufsatz in den Sinn, den ich schrieb, als ich noch Pressewart des NWDK war. Seinerzeit schlug ich vor, für Dan-Prüfer eine Altersbegrenzung einzuführen, die weit vor der 75-Jahre-Marke liegt. Kein gelungener Vorschlag von mir.

Apropos NWDK, NWJV, DJB. Ich fragte ihn, was er über die Präsidenten und Ehrenpräsidenten auf einer Skala von einem Punkt bis sechs Punkte denkt. Meine Antwortangebote waren: einen Punkt für die Antwort: „Alles eitle Gesellen ohne Format.“, drei Punkte für die Antwort: „Mittelmaß auf allen Ebenen“ und sechs Punkte für „Erstklassige Funktionäre mit Visionen.“ Franz´ Antwort dazu: „Alle drei Punkte treffen zu, in der Anwendung auf unterschiedliche Personen.“

Meine dreißigste und letzte Frage stellte ich Franz beim Judo-Grand-Prix in Düsseldorf. Ich fragte ihn: Stell dir vor, Jigoro Kano hätte hier zugesehen. Welche Beschreibung wäre seine wahrscheinlichste:

  • „Wie nennt ihr diesen Sport?“
  • „Ich bin überrascht, wie gut ihr mich verstanden habt.“

und schließlich

  • „Ich hatte mir was anderes vorgestellt – aber das, was ich gesehen habe, war auch nicht schlecht.“

Franz entschied sich für die letzte Antwort, mit dem Zusatz „…glaube ich.“

Ich habe viel Judo von Franz gelernt, im Verlauf der letzten 40 Jahre. Und manches andere, was dazu gehört, auch. Manchmal habe ich ihn gehasst, wenn er so wie eine schnarrende Fräse auf der Matte herumnörgelte. Doch meistens hab´ ich ihn verehrt, mit der nötigen Distanz des Schülers zum Meister. Wenn auch hier die Tradition der Japaner gepflegt würde, dass der Schüler den Judogi seines Meisters wäscht, dann hätte ich das getan. Glaube ich.

Michael Holte

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